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Leonore.
Roman eines nach Siebenbürgen Verschlagenen


Von Adolf Meschendörfer



In Kronstadt begegnet der weltmännische Dr. Svend dem Provinzmädchen Leonore. Aus der Durchreise wird ein Aufenthalt über den Frühling, den Sommer und den Herbst hinaus. Zeit genug, um sich zwischen Wunschbild und Wirklichkeit zu verlieren.

«Leonore» ist erstmals 1907 in der Zeitschrift Die Karpathen erschienen und gilt als erster moderner Roman der Siebenbürgischen Literatur.


«Ich bin groß, blond und schlank; gegenwärtig vielleicht der schönste Mann in Europa, jedenfalls der intelligenteste.»



Zum Buch

Als Meschendörfers Roman «Leonore» 1907 in Fortsetzungen in der Zeitschrift Die Karpathen erschien, löste er kontrovers verlaufende Diskussionen aus und wurde erst 1920 als Buch gedruckt. Im Mittelpunkt des tagebuchartig festgehaltenen Geschehens steht die Hauptfigur Dr. Svend, ein Schöngeist, der, finanziell unabhängig, sich auf einer Weltreise nach Indien befindet, hierbei Station in Kronstadt macht, sich in die attraktive Leonore verliebt und mit dem Gedanken spielt, für immer in Kronstadt an der Seite Leonores leben zu wollen. Doch die Angst, sich selbst untreu zu werden, und seine gesellschaftliche Bindungslosigkeit, die er als Ästhet zum Lebensprinzip erhoben hatte, aufgeben zu müssen, ebenso Leonores zögerndes Verhalten und eine ganze Reihe von Missverständnissen und Zufällen erschweren das Verhältnis.

Meschendörfer schildert in einer in der siebenbürgischen Literatur bis dahin nicht üblichen kritischen Weise Realitäten aus dem Leben der Sachsen um die Jahrhundertwende. Die Begegnung des Weltenbummlers und Schönheitsfanatikers Dr. Svend mit Leonore sowie die Erfahrungen in Kronstadt und sein Kontakt mit dessen Bewohnern schlagen ihn für Monate in ihren Bann. Was er hier erlebt, im Gespräch mit den Menschen erfährt, dies alles sowie seine Reflexionen darüber werden in Tagebuchform oder in Briefen an Leonore zur Sprache gebracht.

Über die Grenzen von Kronstadt hinaus gerät die Naturlandschaft in dieser Region in den Blick: die Gebirge und Wälder des Burzenlandes, die bis in die Stadt hineinragen, ihr Eigenart und Charme verleihen. Die natürliche Umgebung wirkt sich prägend auf die Bewohner der Kleinstadt aus, sie bestimmt deren Charakter und Lebensgewohnheiten. Bei Leonore bewirkt sie den Wunsch, ihr zu entfliehen.



Textauszug
Lange lag ich so. Meine Augen tranken den nächtlichen Himmel, meine Seele wanderte weit ab. Es war mir, als läge ich auf dem Meeresgrunde in der engen Kajüte eines längst vermorschten Schiffes. Ich sah die Flut vorübergleiten und sah, wie sich manchmal der Baum zu meinem Fenster hereinbeugte. Und jedesmal, wenn er das tat, fühlte ich eine kleine Dankbarkeit. Ich empfand auch eine leise, gleichmäßig schaukelnde Bewegung, wie wenn wir hier unten fest verankert lägen, ausgesöhnt und losgelöst von allem, was da oben kämpft und leidet.
Ich erwachte erst am Mittag.
Und nun läuten alle Glocken. Die große Glocke mit gemessenen wuchtigen Schlägen, so daß der Turm erzittert, würdevoll, ihres Alters wohl bewußt. Und dazwischen die kleine bimmelnde Glocke, die immer drei kleine, hastige Schritte machen muß, bis sie die große einholt. Ich erinnere mich, heute ist Sonntag. Von der Gasse hört man kein Geräusch, nur hie und da den Schritt eines eiligen Fußgängers. Ich fühle eine angenehme Mattigkeit im ganzen Körper, mir ist, als ob ich von einer giftigen Krankheit genesen wäre. Über meinem Bette hängt Rossettis Lucrezia Borgia, nur mit einer Stecknadel befestigt. Ich betrachte sie zärtlich und lächle ihr zu.
Ich denke – Leonore.
Und die Glocken läuten über der Stadt. Wenn ich malen könnte, wenn ich deine Züge eingraben könnte in Marmor oder Erz, so daß kein Jahrtausend an ihnen rütteln kann! Wenn ich dich festhalten könnte, so wie du mir heute erscheinst. Denn morgen, das fühle ich, und mein Herz zittert, morgen bist du schon eine andere.
Die Einbildungskraft, ja die möchte dies Bild ewig festhalten, aber die Augen sind zudringlich, die Ohren so empfindlich und das rastlose Gehirn so unerbittlich. Der Verstand läßt sich nicht betrügen, er ist wachsam und argwöhnisch, und die Augen sehen dann Dinge, Kleinigkeiten, in denen aber Gemeinheiten schlummern, und das Ohr hört Mißklänge, Kleinigkeiten, die uns schaudern machen. Und der Verstand, dieser größte Feind von allem, was uns teuer ist, er zerfasert, verleumdet unsere Geliebte, bevor unsere scheuen Lippen es noch gewagt haben, ihre Fingerspitzen zu berühren.
Und allmählich wandelt sich das Bild. Bei einigen Menschen genügt ein Sommertag.



«Ich Unglücklicher». Über Adolf Meschendörfers «Leonore»
Von Thomas Ballhausen.
Aus: Der letzte Sommer vor der Eiszeit. Wien 2003.

Der Roman eines «Verschlagenen»
Adolf Meschendörfer ist uns heute ein Unbekannter. Ein trauriger Umstand, eine Tatsache, der abgeholfen werden kann und soll. Mit dem hier behandelten Roman «Leonore» bietet sich eine sehr gute Möglichkeit, den Autor aus seiner isolierten Position der Unbekanntheit zu befreien. Mit dem Leonore-Roman haben wir auch Möglichkeit, seinen stark intertextuell geprägten Prosastil kennenzulernen. In der Figur des Protagonisten Dr. Svend scheint sich auch Meschendörfers Position zu spiegeln: die Freude am Zitat, an der bewußten Bezugnahme auf andere wesentliche Texte der Jahrhundertwende, eine Reihe bedeutender Texte, in die sich «Leonore» nahezu nahtlos
einfügen läßt.

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Presse


Siebenbürgische Zeitung, 15. August 2013: Drei Jahreszeiten in Kronstadt. Von Doris Roth.
«Die liebevoll gestaltete Neuauflage des Schweizer Verlags Traversion ist ein Glücksfall, der zur (Wieder)Entdeckung dieses bemerkenswerten Prosastücks einlädt.»

Münchner Merkur, 12. März 2013: Kronstadt – literarisch wiederentdeckt. Von Michael Schleicher.
«Schulterzucken erntete, wer nach dem Buch fragte – selbst in gut sortierten Antiquariaten. Jetzt hat Traversion, ein kleiner Schweizer Verlag, ‹Leonore› in einer schön gestalteten Ausgabe wiederaufgelegt. Beste Voraussetzung für eine Wiederentdeckung.»



Kronstadt um 1900







Normalausgabe
Gebunden, fadengeheftet
18,5 x 13,5 cm, 176 Seiten, Lesebändchen
ISBN 978-3-906012-02-5
EUR 19.- / CHF 25.-



«Schließlich, wozu ist dieses elende Leben nütze, wenn nicht, um in einer gewaltigen Leidenschaft ausgetrunken zu werden!»