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Von Verschlungenen verschlungen



Roman. Von Réjean Ducharme
Aus dem Französischen von Till Bardoux. Beiheft mit Beiträgen von Thomas Ballhausen und Madeleine Stratford.

Der frankokanadische Meisterroman aus dem Jahr 1966 erstmals in deutscher Übersetzung. Als Normal- und als Vorzugsausgabe.

Wer den Film "Léolo" von Jean-Claude Lauzon (1993) gesehen hat, weiß schon längst um dieses Buch, das im Film als Stütze für den wackligen Küchentisch dient und in dem der Junge Léolo nachts im Lichtschein des Kühlschrankes liest: "Meine Einsamkeit ist mein Palast. Da habe ich meinen Stuhl, meinen Tisch, mein Bett, meinen Wind und meine Sonne..." In der Übersetzung von Till Bardoux wird der Schlüsselroman aus dem Film nun endlich auch den deutschsprachigen Lesern und Leserinnen zugänglich.



Zum Buch:
In einer ebenso unbändigen wie poetischen Sprache beschwören Ducharmes Romane ein düsteres Universum herauf, in dem der Humor und die Auflehnung seiner Figuren Hoffnungsträger sind. In "Von Verschlungenen verschlungen" ist es das Mädchen Bérénice Einberg, das mit seinen Eltern und seinem Bruder Christian auf einer Insel im kanadischen Sankt-Lorenz-Strom aufwächst. Das Ehepaar Einberg hat sich seine Kinder vertraglich untereinander aufgeteilt: Christian wird von seiner Mutter katholisch erzogen, Bérénice von ihrem Vater jüdisch. Voller Verachtung gegenüber der Welt der Erwachsenen lehnt sie sich vehement und kompromisslos gegen sie auf. Ihre ganze Zuneigung ist einzig ihrem Bruder vorbehalten, mit dem sie Flora und Fauna der Insel erkundet. Angewidert von ihrem eigenen Erwachsenwerden flüchtet sie sich zwischen einsamer Zärtlichkeit und gewalttätigem Zynismus in ihre eigene Welt, aus der sie das "zu schöne Gesicht" ihrer Mutter und die Liebe zu verbannen versucht.
Ein Roman von magisch tiefem Sog.



Textauszug
Ich sitze rittlings auf der Steinbruchswinde und lasse allein die verrückten Heldentaten wieder auferstehen, die Christian und ich dort gemeinsam vollbrachten, als wir noch keine dreckigen Erwachsenen waren. Ich bin auf dem Festland gewesen, um Ahornäste zu sammeln, und Christian verwandelt sie mit einem kleinen Beil und einem Haumesser in vielfarbige Speere, die er einen nach dem anderen in den Fluss wirft. Ich fühle, wie er mit großer Liebe die Äste begradigt, behaut, blank schleift, zuspitzt, befiedert. Er sitzt in seinem Rollstuhl und schnitzt Speere, so wie ein nicht gewerkschaftlich organisierter Anstreicher ein Haus anstreicht: vor sich hinpfeifend. Ich habe wieder gelernt, mit Christian zu reden. Mit ihm ist alles wunderbar einfach: Er lässt mit sich machen. Wenn man will, kann man alles mit ihm machen. Er ist Lehm: Wenn man Künstler ist, kann man ihn die Form annehmen lassen, die man haben will. Man könnte wer weiß was mit ihm anstellen, selbst Wunder. Er ist freundlich, auf sanfte Weise passiv. Er sitzt da und wartet darauf, dass man sich seiner bedient. Das ist der Mensch, den ich brauche. Ich bin die Hände und er die Materie. Es muss Hände und Materie geben, und ich bin keine Materie. Wenn es Hände und Hände gibt, kommt es leicht zum Handgemenge, man schlägt sich, das führt zu nichts, das funktioniert nicht, man streitet unaufhörlich. Außerdem ist er mein Bruder, und das Wort Bruder ist das schönste Wort der Welt.



Filmausschnitt aus "Léolo" (1992, Regie: Jean-Claude Lauzon)




Presse


kultbote.de, 29. Oktober 2012: Sogwirkung. Leseempfehlung von Peter Pollak.

DRS2 aktuell, 11. September 2012: Endlich auch auf deutsch: Réjean Ducharme. Irene Grüter im Gespräch.

fixpoetry, 19. August 2012: Das große Aufbegehren. Rezension von David Frühauf.
«In einem atemlosen inneren Monolog rüttelt Bérénice – wunderbar übersetzt von Till Bardoux – wie besessen an den Normen der Obrigkeiten, tränkt ihre Worte in einem Gemisch aus Philosophie, Psychologie, Paranoia und Pornographie, und lässt doch stets eine verletzte, schutzbedürftige Person unter der Maske der Zynikerin sichtbar werden, der der Wunsch, noch einmal bei Null anzufangen, dem Verlangen nach Geborgenheit und Liebe entgegensteht.»

the gap, 14. August 2012: Kindheit als zynisches Sprachkunstwerk. Rezension von Christian Koellerer.
«Bérénice ist sicher eine der ungewöhnlichsten Kunstfiguren der Weltliteratur. [...] Es gibt nur wenige Erstlinge, die literarisch etwas völlig Neues zu Papier bringen. Mit ‹Von Verschlungenen verschlungen› ist Réjean Ducharme dieses Kunststück gelungen»

Neue Zürcher Zeitung, 1. August 2012: Terroristin des Ich. Rezension von Jörg Plath. PDF
«Der Roman ‹Von Verschlungenen verschlungen› des Kanadiers Réjean Ducharme ist ein ganz und gar ungewöhnliches Buch.»

FAZ, 26. Juli 2012: Tausend Lösungen für die Einsamkeit und die Angst. Rezension von Kai Sina. PDF
«Dieser Roman will erfahren werden – als ein Literatur gewordener Trip in unterschiedliche Stadien des Bewusstseins, an dessen Ende die Einsicht in die Unzuverlässigkeit jeder eindimensionalen Wirklichkeitsauffassung steht. In dieser Absicht entspricht der Roman einer bewusstseinserweiternden Droge, über deren Wirkungsweise Ducharme durch seine Heldin selbst Auskunft gibt: ‹Zuweilen kann der Zusammenhalt, den Einbildungskraft und Willen den äußeren Erscheinungen des Lebens geben, völlig irrsinnig werden, er kann zum Wahn, zum Rausch werden. Und diese Möglichkeit ist fruchtbar, sehr fruchtbar, sehr rege, sehr reichhaltig: Sie bietet tausend Lösungen für die Einsamkeit und die Angst.›»

PAGE, Ausgabe 08.12: Doppelt einprägsam. Zur Produktion der Vorzugsausgabe. PDF
«Die Zeichnungen sind bei der Normalausgabe mit partiellem UV-Lack bedruckt. Dieser Effekt sollte bei der Vorzugsausgabe durch die Prägung verstärkt werden. Das Buch erhielt eine Decke aus dem Lederfaserstoff Peyer Cabra natur dunkel. Durhc die 1,5 Millimeter dünne Pappe bleibt der Umschlag leicht flexibel und die ungewöhnliche Prägung über die komplette Buchdecke lässt es wie aus einem Guss erscheinen. Die Aufgabe war nicht ganz einfach, da in diesem Fall auch in das Falzgelenk zwischen U1 bzw. U4 und dem Buchrücken geprägt werden musste. Normalerweise ist an dieser Stelle die Buchdecke nicht mit einer Pappe hinterlegt, die notwendig ist zum Prägen. In diesem Fall wurde aber der Bezugsstoff vor der Deckenanfertigung geprägt. Dies wiederum war nur möglich, weil sich das Bezugsmaterial Lederfaserstoff ohne großen Druck prägen lässt.»

skug #91, 7-9/2012: Verschlungen. Rezension von Thomas Ballhausen. PDF

WDR 3, 1. Juli 2012: «Gutenbergs Welt» mit Guido Graf: Thema Einsamkeiten. Rezensiert von Jörg Plath.

kolik, Nr. 56, Juni 2012. Buchbesprechung von Thomas Ballhausen.
«Réjean Ducharmes epochaler, wirkungsmächtiger Roman L'avalée des avalés, eines der zentralen Werke der frankokanadischen Literatur, liegt nun endlich auf in deutscher Übersetzung vor.»

WDR 3, 20. Juni 2012, Buchrezensionen: Jörg Plath zu «Von Verschlungenen verschlungen». Anhören
«Ein wenig Misstrauen ist berechtigt, wenn ein Verlag einen Roman, der vor knapp vierzig Jahren nicht etwa auf – sagen wir – Kisuaheli, sondern auf Französisch erschien, als jetzt endlich übersetzten ‹Meisterroman› anpreist. Zumal es sich um das erste Buch des Verlages handelt und zugleich um das erste übersetzte des Romanautors. Ein bisschen viel Entdeckungs-Trara begleitet dieses Buch, etwas laut wirken die Fanfarenstöße, die es ankündigen. Doch sie ertönen zu Recht. Der Roman ‹Von Verschlungenen verschlungen› des Kanadiers Réjean Ducharme ist ein ganz und gar ungewöhnliches Buch.»

Kulturmagazin 041, Juniausgabe 2012: Zum Verschlingen. Rezension von Pablo Haller.
«Es ist leicht, sich in diesem Roman zu verlieren."







Normalausgabe
Gebundenes Flexcover, fadengeheftet, mit Beiheft
18,5 x 13,5 cm, 320 Seiten, Lesebändchen
ISBN 978-3-906012-00-1
vergriffen



"Wahn ist nicht Unvernunft, sondern jäh dreinschmetternde Klarheit."

Vorzugsausgabe
Limitierte und nummerierte Auflage von 30 Exemplaren
Geprägter Ledereinband, mit Beiheft
18,5 x 13,5 cm, 320 Seiten, Lesebändchen
ISBN 978-3-906012-01-8
vergriffen



"Nachts weiß man nicht, ob das, was man atmet, Luft oder Finsternis ist."